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Alt 31.05.2009, 22:19
Schneekugel Schneekugel ist offline
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Standard AW: Papa hat Flügel bekommen...

Hallöchen,

ich war länger nicht hier. Ja ehrlich gesagt hab ich nicht mal an den Krebskompass gedacht. Die letzten Tage ging es mir schlecht, weil es mir nicht schlecht ging. Oder logischer erklärt: Ich hatte ein schlechtes Gewissen, dass die Gesamtsituation an mir vorbeigezogen ist. Ich habe mich nicht betroffen oder sonst was gefühlt. Und das kam mir allmählich komisch vor. Wie kann man zwei Monate nach dem Tod des Vaters mit dem Trauern aufhören. Es muss mir doch schlecht gehen, ich muss heulen...dachte ich zumindest. War aber nicht so. Heute habe ich das erste Mal seit langem wieder geweint. Ich war mit meinem Freund bei meiner Cousine. Und auf dem Weg zurück (gerade eben sind wir erst wieder zuhause angekommen) hat es mich dann überkommen. Wir hörten "knocking on heavens door" und fuhren dem Sonnenuntergang entgegen. Der Himmel war/ist von wunderschönen Wölkchen durchzogen und ich fragte mich, ob Papa wohl auf einer sitz. Und dann fiel mir auf, dass -selbst wenn er da sitzt- da sooooo viele Wolken sind, dass ich ihn niemals finden kann. Und das war der Moment in dem mir leider oder auch Gott sei Dank wieder bewusst wurde was passiert ist. Ich habe meinen Papa verloren. heute vor genau einem Jahr hat er sich noch über sein wohlverdientes Wochenende gefreut. Ich habe nachgesehen: Es war Samstag. Er war so kaputt und überarbeitet. Wir haben die Zeichen nicht gesehen. Der Krebs kam heimlich und hat es wie Übermüdung aussehen lassen. Er hat noch gearbeitet...bis zum 28.Juli. Ich habe in sein Handy gesehen. Gesendete Nachricht an seinen Kollegen vom 29.Juli: Morgen komme ich wieder zur Arbeit.
Das macht mich fertig. Er war nie krank und dann wurde er einfach aus dem Leben gerissen. Er ging nie wieder arbeiten. Das kann doch nicht wahr sein. Er ging heute vor einem jahr noch zur Arbeit und heute ist er tot. Wo ist die zeit dazwischen geblieben? Die Zeit in der ich wusste, dass er stirbt? Sie ist wie ausgelöscht. Es waren einige Monate, die mir heute wie wenige Tage erscheinen. Ich hatte zu wenig Zeit mit meinem Papa. Ich habe mir immer vorgestellt, wie er als Rentner sein würde. Bestimmt hätten wir dann viel Zeit miteinander verbracht. Als mein Freund sich letzten Oktober ein Auto kaufte, hat er meine Eltern berücksichtigt. Damit wir alle in ein Auto passen und zusammen Ausflüge machen können. Meine Eltern hatten nie eins und sie sollten endlich mal raus kommen und was erleben. Letztendlich blieben uns nur Krankenfahrten. Momentan ist wieder alles so real, dass ich mir fast wünscht nie geboren worden zu sein, um nun diesen Schmerz nicht ertragen zu müssen. Ich hakte diesen Schmerz kaum aus. Und seit Papas Tod habe ich so eine Angst um Mama. Sie ist alles was ich noch hab. Am liebesten hätte ich sie den ganzen Tag um mich, um zu sehen, dass es ihr gut geht.
Alles ist so beschissen...
Was mich früher erfreute, macht mich jetzt traurig und ich habe keinen blassen Schimmer, ob es je besser wird. Ich bin zu schwach für den Schmerz...

LG an Euch alle. Ich bewundere Euch für Eure Stärke!!!
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*1949 +2009
Mein lieber Papa durfte nur 60 Jahre jung werden

31.07.2008: Überweisung ins Krankenhaus
13.08.2008: Diagnose "Nasopharynx CA T4N2M0 G3". Chemo und Bestrahlung!
09.01.2009: 60.und letzter Geburtstag
02.02.2009: Diagnose "Frühprogression" und Einleitung einer Antikörpertherapie.
01.04.2009: Schlaganfall als Nebenwirkung der Antikörpertherapie. Papa hat Flügel bekommen

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