Einzelnen Beitrag anzeigen
  #1  
Alt 09.08.2008, 20:27
Heike_K Heike_K ist offline
Registrierter Benutzer
 
Registriert seit: 19.06.2007
Beiträge: 25
Standard Mein Bruder...

Ich muß nun leider auch in dieses Forum, es kommt mir aber noch so unwirklich vor.
Mein Bruder hatte Darmkrebs, ich hatte auch mal einen Thread eröffnet im Angehörigenforum, konnte da aber irgendwie nicht mehr schreiben, hab´s einfach nicht geschafft obwohl ich öfters mal hier war und gelesen habe.

Mein Bruder ist vergangenen Freitagabend gegangen und hat mich verändert zurückgelassen.
Am Morgen bekam ich einen Anruf, komm, schnell, es ist was passiert. Ich hab meine Arbeit abgebrochen, meinen Mann und meinen Vater ins Auto gepackt und 400 km zu meinem Bruder gefahren, meine Mutter und seine Frau waren schon dort.

Wir angekommen, gleich ins Haus, da lag er in seinem geliebten Wasserbett, schwer atmend, die Augen halb offen und rollend. Keiner konnte uns sagen, ob er noch was mitbekommt, der Arzt gab ihm ein Morphinpflaster und ging wieder. Es fing die Nacht davor an, Sprachaussetzer, Erinnerungslücken, motorische Probleme. Dann konnte er nur noch ja und nein sagen, aber ohne Zusammenhang, dann verstummte er und lag nur noch da und atmete schwer.

Ich konnte es gar nicht fassen, vor ein paar Wochen war ich noch bei seinem Geburtstag, es ging ihm verhältnismäßig ok. Klar, er war klapprig, aber so voller Hoffnung und Willen.

Und dann lag er einfach so da. Wir konnten nichts anderes tun als bei ihm zu sein, ihm die Hand zu halten, die Stirn zu streicheln, mit ihm zu reden und ihn auf keinen Fall alleine zu lassen.
Meine Eltern erzählten ihm was für ein fantastischer Sohn er sei. Seine Frau bedankte sich für eine wundervolle Zeit mit ihm, ich als Schwester versprach ihm, auf seine Frau aufzupassen. Das war immer seine größte Sorge, dass es seine Frau nicht alleine schafft. Und ich bin mir sicher, in dem Moment als ich ihm das versprach zuckten seine Mundwinkel nach oben, ich schwör´s euch, das hat er mitbekommen!!
Und wir alle sagten ihm auch, dass alles ok sei, dass wir alles regeln würden, dass er entspannen soll und dass er gehen darf.
Über Stunden erzählten wir ihm das immer und immer wieder.
Dann wurden seine Atemzüge leise und leichter, er atmete nicht mehr so schwer und verkrampft. Auch seine Augen rollten nicht mehr und kamen zur Ruhe, dann blieb die Zeit stehen...
Wir saßen alle nur noch da, fassten ihn an, streichelten ihn und lauschten auf seine immer leiseren Atemzüge und dann hörten sie einfach auf...
Dieser Moment war heilig... Unwillkürlich schauten wir alle nach oben, nicht auf seinen Leichnam, sondern nach oben. Und ich bin mir sicher, er hat noch einen Blick auf seine Familie geworfen die um sein Bett versammelt saß, und dann ist er gegangen.

Und ich bin sicher, der Tod kann nicht schlimm sein, wenn jemand nach langem Leiden so friedlich einschläft ohne zu kämpfen und sich zu wehren, dann KANN es einfach nicht schlimm sein.
Ich bin dankbar, dass ihm ein monatelanges Siechtum erspart blieb. Ich bin auch seiner Frau dankbar, dass sie seinem Willen folgte und nicht den Notarzt rief und ihn an Maschinen angeschlossen hat sondern dass er zuhause im Kreis der Familie sterben durfte.

Die darauf folgende Nacht war so unwirklich wie auch schon alles andere davor unwirklich war.
Es kam dann irgendwann morgens der Arzt, stellte den Totenschein aus, dann kam die Bestatterin mit ihren Trägern und sie haben ihn geholt, angezogen und fortgebracht. Mein Vater und ich waren auch da dabei. Ich hatte irgendwie das Gefühl als müsse ich da sein.
Obwohl ich weiß dass mein Bruder schon lange weg war, er ist in dem heiligen Moment gegangen, was übrig war ist nur eine Hülle, sah auch schon nicht mehr so aus wie er. Seelenlos halt...

Die vergangene Woche blieb ich noch bei seiner Frau in seinem Haus. Wir haben geheult, getrauert, waren wütend und haben gelacht. Ich habe noch niemals in meinem Leben eine so intensive Erfahrung gemacht, das hat mich verändert. Es ist so schwer zu verstehen, er ist weg...

Ich vermisse meinen Bruder, er ist der Inbegriff eines großen Bruders, ich liebe ihn, er hat immer auf mich aufgepasst, war immer da für mich, und ist jetzt einfach weg, ich kenne ein Leben ohne großen Bruder aber gar nicht. Ich bin stinksauer, warum hat er so lange gewartet zum Arzt zu gehen?? Darmkrebs kann heilbar sein, aber nicht wenn er halt schon gestreut hat. 19 von 24 Lymphknoten waren befallen, die Leber hatte schon bei Diagnose bis zu 6 cm große Metas. Zum Schluß kam noch die Lunge, die Milz und das Bauchfell dazu.
Das alles ist so unfair, ich vermisse ihn...

Ich schwör Dir Bruderherz, wie auch an Deinem Sterbebett versprochen, ich kümmer mich um Deine Frau, ich lasse sie nicht alleine da durch gehen, ich werde bei ihr sein wann immer sie es braucht. Im Moment ist sie bei ihrer Familie gut aufgehoben, und dann werde ich immer für sie da sein.
Das verspreche ich Dir!!
Mit Zitat antworten